Schaghajegh Nosrati mit Werken von Alkan
Wichtige Klavierwerke des französischen Romantikers Charles-Valentin Alkan
„Er musste sterben, um seine Existenz zu beweisen“: Wohl kaum jemand würde sich einen solchen Satz für seinen Nachruf wünschen, am wenigsten aber ein Künstler, der einst vom Publikum gefeiert wurde. Und doch war es genau diese bittere Pointe, mit der ein anonymer Verfasser das Leben eines der brillantesten französischen Pianisten und Komponisten resümierte. Die Rede ist von Charles-Valentin Morhange bzw. Alkan (1813–1888).
Unmittelbar nach Alkans Tod standen in der Presse weniger dessen Leben und Werk im Mittelpunkt als vielmehr die rätselhaften Umstände seines Ablebens. Die Berichte widersprachen einander: Es war von einem auf ihn herabstürzenden Band des Talmuds die Rede (seiner bevorzugten Lektüre in den letzten Lebensjahren), auch von einem umgestürzten Bücherregal, sogar von einem mysteriösen Unfall am Küchenherd. Dabei geriet beinahe in Vergessenheit, dass einst, im inzwischen weit zurückliegenden Jahr 1826, die angesehensten Persönlichkeiten von Paris zu den ‘Benefizkonzerten’ des damals zwölfjährigen Wunderkindes Alkan strömten. Dass schon der siebzehnjährige Alkan in den Kreisen der kulturellen Elite verkehrte, später eng befreundet war z.B. mit Frédéric Chopin und George Sand. Und dass er im Laufe seines Lebens ein umfangreiches kompositorisches Œuvre zu Papier brachte, welches mehr als siebzig Werke für Klavier solo umfasst, von denen viele nicht nur durch extreme spieltechnische Anforderungen, sondern durch eine Kühnheit in der Sache auffallen, die ihrer Zeit weit voraus war.
So etwa in der Grande Sonate op. 33 aus dem Jahr 1847, einer monumentalen musikalischen ‘Chronik’ des menschlichen Lebens. Entsprechend dem programmatischen Titel Les Quatre Âges (Die vier Lebensalter), ist sie in vier, einschlägige Lebensstufen repräsentierende Abschnitte gegliedert (20, 30, 40 und 50 Jahre). In vielem erinnert dieses Werk an die h-Moll-Sonate von Franz Liszt (der Alkan natürlich kannte und als pianistischen Rivalen auf Augenhöhe respektierte), insbesondere die motivische Arbeit und die sich auf eine literarische Vorlage stützende Programmatik im zweiten Satz, Quasi-Faust. Doch Liszts große Sonate sollte tatsächlich erst sechs Jahre später als Alkans Versuch entstehen. Einen anderen, aber nicht minder ambitionierten Weg beschreitet die rund zehn Jahre später komponierte Symphonie pour piano seul op. 39, die Teil des Zyklus Douze études dans tous les tons mineurs (Zwölf Etüden in allen Moll-Tonarten) ist. Hier unternimmt Alkan nichts Geringeres, als das Klavier in ein volles Orchester zu verwandeln. Jeder der vier Sätze ist durchaus symphonisch gedacht, nicht nur in Form und Anlage, sondern auch in den Klangwirkungen. An vielen Stellen verweist die Partitur ausdrücklich auf einzelne Orchesterinstrumente, deren Andeutung von Interpreten weit mehr als bloße Fingerfertigkeit verlangt.
Glücklicherweise zieht Alkans eigenwilliges Schaffen heute wieder zunehmend die Aufmerksamkeit von Musikerinnen und Musikern sowie des Publikums auf sich. Am 24. April veröffentlicht das Label Deutsche Grammophon (cAvi music) ein neues CD-Album, das ganz der Klaviermusik gewidmet ist. Die deutsche Pianistin und Alkan-Expertin Schaghajegh Nosrati spielt darauf die beiden genannten Hauptwerke und ergänzt sie noch um eine intime Barcarolle aus der 1865 geschriebenen dritten Sammlung von „Klavierliedern ohne Worte“ (op.65; Troisième recueil de chants). Im Grunde formiert sie damit eine Art übergeordneten Zyklus, den man augenzwinkernd Les Trois Âges nennen könnte: denn es handelt sich um einen Aufriss dreier zentraler Schaffensjahrzehnte Alkans – und im Übrigen um ein Tondokument, das die vormalige Existenz des Komponisten weitaus eindringlicher bezeugt als jede noch so spektakuläre Erzählung über dessen Tod.
