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Frühwerke des estnischen Komponisten Eduard Tubin
Zwei Tage – auf einem Scheideweg zwischen gesetzter Vergangenheit und offener Zukunft. So lange trieb das Segelschiff Triina nach einem Motorschaden auf der Ostsee umher. Am 20. September 1944 war es aus dem estnischen Hafen Tallinn ausgelaufen, mit mehr als 600 Passagieren an Bord, die vor dem Vormarsch der Roten Armee flohen. Unter diesen Passagieren befand sich ein großer Teil der kulturellen Elite Estlands: Schriftsteller, Dichter, Sänger, Musiker. Mit Eduard Tubin (1905–1982) war auch einer der bedeutendsten Komponisten des Landes darunter.
Tubins bisheriger Lebensweg schien klar vorgezeichnet gewesen zu sein. Die Kindheit verbrachte er in einem kleinen Ort in der Nähe von Tartu, der zweitgrößten Stadt Estlands. Dort, im Kreis der Familie, d.h. seiner Mutter, einer begabten Sängerin, und seines Vaters, eines begeisterten Bläsers, sammelte er die ersten musikalischen Eindrücke. Und dort begann er auch bald selbst zu musizieren. Zunächst auf der Flöte, später auf einem Klavier, welches ihm der Vater vom Erlös eines verkauften Kalbes gekauft hatte. Weitere wichtige Stationen waren dann der Umzug nach Tartu, verbunden mit einem Studium an der damals bedeutendsten Musikhochschule Estlands, sowie die ersten beruflichen Erfahrungen als Chorleiter und Dirigent. 1930 wurde Tubin zum Chefdirigenten des Vanemuine-Theaters berufen, der inzwischen ältesten und (nach wie vor) wichtigsten Bühne seiner Heimatregion. Längst hatte er sich zudem als Komponist einen Namen gemacht. Sein Werkverzeichnis umfasste bis 1944 bereits zahlreiche Kammermusikwerke, ein Ballett und vier Sinfonien.
Doch nun hielt das Leben plötzlich eine völlig undefinierte Zukunft für ihn bereit. Das erwähnte Schiff wurde von schwedischen Grenzbeamten entdeckt und nach Stockholm abgeschleppt. Tubins mitreisende Familienmitglieder, alle mit Tetanus infiziert, kamen in ein Krankenhaus, während er selbst zunächst in einem Flüchtlingslager untergebracht wurde. Noch schwerer wog aber etwas anderes, nämlich die sich abzeichnende Notwendigkeit, die eigene Karriere noch einmal von Grund auf neu aufzubauen. In fremden Landen musste er nun Arbeit finden, neue Kontakte knüpfen und sich als Komponist erneut etablieren. Doch dieser Neuanfang gelang. Schnell wurde Tubin weit über Schweden hinaus bekannt. Allerdings richtete sich die Aufmerksamkeit vor allem auf den „schwedischen“ Komponisten Eduard Tubin, während der estnische Teil seines Schaffens im Schatten blieb.
Erst allmählich rückt auch dieser letztere Aspekt wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein. Einen verdienstvollen Beitrag dazu leistet die am 06.06.2026 beim Label Orchid Classics erschienene CD The Early Years of Eduard Tubin. Darauf widmet sich der in Berlin lebende estnische Dirigent Mihhail Gerts gemeinsam mit dem Estonian National Symphony Orchestra zwei umfangreichen symphonischen Werken aus Tubins früher Zeit in Tartu: der Suite auf estnische Motive (1929) und der Zweiten Symphonie in h-Moll mit dem Beinamen „Die Legendäre“ (1937). Ergänzt durch zwei kurze Präludien für Klavier aus der Studienzeit des Komponisten (1926) lässt das Programm einen ganzen Lebensabschnitt musikalisch wiederaufleben, der gekennzeichnet war durch stilistische Vielfalt, die Suche nach einem eigenen Ton, kühne Entscheidungen und eine tiefe Verbundenheit mit Estland. Also genau jene Vergangenheit, die Tubin an einem warmen Septembertag des Jahres 1944 hinter sich ließ, als er im Hafen von Tallinn ein kleines Segelschiff mit der Fahrrichtung in eine ungewisse Zukunft bestieg.
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