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Dmytro Choni mit Werken von Schumann, Brahms und Lysenko

Klaviermusik von Robert Schumann und Johannes Brahms sowie des ukrainischen Komponisten Mykola Lysenko.

Am 28. Oktober 1912 erlebte Kiew eine Beerdigungszeremonie, wie sie die Stadt bis dahin wohl noch nicht gesehen hatte. Die Straßen waren mit einer riesigen Menschenmenge gefüllt; zeitgenössische Berichte sprechen von bis zu hunderttausend Personen, obwohl Kiew damals insgesamt nur rund 442.000 Einwohner zählte. An der Spitze des Trauerzuges schritt ein Chor. Oder vielmehr: es schritten viele verschiedene, zu einer Einheit verbundene Chöre. Studentische Ensembles, Kirchen- und Laienchöre sangen gemeinsam und ihre trauernden Stimmen hallten durch das ganze Stadtgebiet. Sie waren gekommen, um Abschied von Mykola Lysenko (geb.1842) zu nehmen, einer Persönlichkeit, deren Herz zeitlebens im Rhythmus ihrer ukrainischen Heimat geschlagen hatte.

Die offizielle Presse resümierte damals nüchtern: „Der verstorbene ukrainische Komponist Lysenko war Autor zahlreicher beliebter Werke und Sammler ukrainischer Volkslieder.“ Doch Lysenko war weit mehr als einfach nur ein Komponist und Musikethnograf. Er entwickelte sich zum Ahnherrn und leidenschaftlichen Vermittler einer eigenständigen ukrainischen Musiksprache. Bereits während seines Studiums am Leipziger Konservatorium veröffentlichte er im Oktober 1868 eine Kollektion ukrainischer Volksweisen für Singstimme und Klavier – eine Edition selbst gesammelter und von ihm bearbeiteter Volkslieder. Mit einer gewissen Folgerichtigkeit komponierte er im selben Jahr auch sein erstes größeres Werk, Das Testament, auf einen Text des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko, gesetzt für Männerchor, Tenorsolo und Klavier. Fortan bildeten ukrainische Literatur, Volksmusik sowie traditionelle Tanz- und Musikformen das eigentliche Zentrum seines künstlerischen Schaffens. So greifen etwa die zweite Klavierrhapsodie op. 18 (1877) – Dumka und Schumka – Themen aus dem Repertoire der ukrainischen Kobsare auf, jener wandernden Volkssänger, die über Generationen hinweg zur Bewahrung des musikalischen Gedächtnisses des Landes beitrugen. Nicht zuletzt dank Lysenkos künstlerischer Vermittlung besteht das Vermächtnis dieser Kobsare bis heute teilweise fort.

Und dank des am 29.05.2026 beim Label Naïve veröffentlichten Album Heartlands findet diese Musik vielleicht auch bald ein neues Publikum. Der junge ukrainische Pianist Dmytro Choni interpretiert hier Lysenkos besagte zweite Klavierrhapsodie sowie dessen poetische Rêverie. Eine Vision aus der Vergangenheit op. 13. Zwar nimmt Lysenko die mittlere und insofern zentrale Position auf dieser CD ein, er wird jedoch flankiert von zwei deutschen Romantikern, Robert Schumann und Johannes Brahms. Schumann ist mit der 2. Klaviersonate (op.22) und der großen achten Novellette aus dem Zyklus op.21 vertreten; während von Brahms die beiden Rhapsodien op.79 und die späten Klavierstücke aus op.119 zu hören sind.

Für den heute in Österreich lebenden Choni bedeutet das Programm eine sehr persönliche musikalische Standortbestimmung. So wie einst Lysenko die ukrainische Musik in sein Herz aufgenommen hat, weist Choni ihr nun neben den ihn unmittelbar umgebenden mitteleuropäischen Einflüssen eine wichtige Rolle in Bezug auf sein eigenes musikalisches Denken und Empfinden zu. 
 


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